Der Y-Faktor

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Das Y ist die wunde Stelle der Männlichkeit.

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das siegreiche Y

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Und es ist das Kostbarste, das der Vater seinem Jungen mitgibt.

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das hoffnungsfrohe Y __________________________________________________________________________

I. Pflicht und Kür, oder Die Ausnahme von der Regel

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Frauen sind, was sie sind. Männer müssen immer erst etwas tun, um etwas zu sein…

… hieß es mal in einem feministischen Radioessay. Soll heißen, Frauen sind Natur, Männer sind künstlich. Früher war es die Überlegenheit des Mannes, die “natürlich” begründet wurde: Frauen seien das schwächere Geschlecht. Die klassische Frauenbewegung war daher kulturalistisch. Alle Geschlechtscharaktere, die über den sprichwörtlich kleinen Unterschied hinaus gehen, seien erst historisch erworben. Alles nur Erziehung! Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man erst gemacht, sagte die Beauvoir.

X und Y

Der neuere Feminismus denkt naturalistisch. Jetzt heißt es, die Frau sei das eigentlich starke Geschlecht. Zugespitzt in dem Satz “Mannsein ist der am weitesten verbreitete genetische Defekt auf der Welt”, der dem Berliner Molekularbiologen Jens Reich zugeschrieben wurde (der sich selber nicht daran erinnern kann). Eigentlich sei das Leben, und der Mensch zumal, weiblich.

Das Männliche sei nur eine nachträgliche Ab- oder Aus- schweifung der Evolution. Und tatsächich ist ja das Y-Chromosom stammesgeschichtlich nur eine späte, verstümmelte Abart des X-Chromosoms. Während die (starke) Frau in ihrer doppelt gesicherten Geschlechtsidentität ruht – XX -, hat das männliche Individuum gegen seinen einen heilen, weiblichen Anteil nur ein beschädigtes Gechlechts- stummelchen aufzubieten, das noch nicht einmal überall mit ‚Information’ besetzt ist: XY!

Und nie bringt er es zu einem guten Ende, immer wieder muss er von vorn anfangen, von Zweifeln zerfressen und ohne Rast, als müsse er etwas beweisen. Rechtfertigung ist ein männliches Thema. Frauen sind, was sie sind, aber Männer müssen immer erst irgendwas tun, um irgendwas zu werden. Während sie in sich ruht, ist er einer, der ‚von Natur’ immer strebt. Sie ist Substanz, er nur Akzidenz, das Weibliche ist sicher, das Männliche ist prekär. So sind die Befunde der Molekularbiologie.

Die feministische Interpretation liegt auf der Hand. Aber flach auf der Hand. Erst wenn man sie umkehrt, bekommt sie Tiefe. Und einen historischen Sinn. Nämlich so: ‚Weiblich’ war die Grundsuppe; doch ‚Männlich’ ist die Spiel-Art. Hier die Norm, da die Varianz. Das Zentrum und die Peripherie. Bewahrung und Risiko.

Der Fuß ist eine verkrüppelte Hand,

doch sind seine Mehrleistungen auf

der Erde evident. Alfred Adler

Durch drei Milliarden Jahre hat sich das Leben einfach reproduziert: ein-, d. h. ungeschlechtlich. Und entsprechend eintönig blieb das genetische Material. Das Spiel von Mutationssprüngen, Selektion und Ausbildung neuer Formen zog sich hin – unter Umständen länger als die Veränderung der sachlichen Lebensbedingungen, und eine Art um die andere ging ein: Für die Umstellung auf veränderte Umstände fehlte ihnen der Spielraum.

Die Ab- und Ausweichung eines andern Geschlechts, die Erfindung des Männlichen als Spielart des “weiblichen” Grundmusters hat nur den einen biologischen Sinn: das Erbgut zu diversifizieren und durch vermannigfachte Kombinationsmöglichkeiten die Mutationssprünge breit zu streuen – und eo ipso die Auslese zu beschleunigen. Die männlichen Individuen sind dabei lediglich als Erbgutträger, als Samenbank erforderlich. Für alle andern Reproduktions- funktionen sind sie entbehrlich. Selber lebenstauglich müssen sie nicht sein.

Sprichwörtlich wurden die Drohnen bei Bienen, Hummeln und Hornissen. Den männlichen Ameisen geht es auch nicht besser. Zuerst gehätschelt und verwöhnt; doch haben sie ihren Beitrag zum Arterhalt einmal entrichtet, werden sie abgeschoben und wohl auch als Nahrung verwertet.

Symbolhaft sprechend ist die Gestalt eines tropischen Tiefseefischs, des Peitschenanglers: Das weibliche Tier trägt sein “Zwergmännchen” wie einen Torpedo an seinem Unterleib, als stets verfügbares genetisches Reservoir. Doch der Schein trügt. Das Männchen ist nicht als weiblicher Körperauswuchs zur Welt gekommen. Nur hat es schon im Kindesalter seine Bestimmung gekannt: zeugen, punctum. Und so hat es sich dem erstbesten Weibchen, das ihm begegnete, buchstäblich einverleibt, nämlich in seinen Bauch verbissen, sich seinem Blutkreislauf angeschlossen und das eigene Wachstum eingestellt. Es trägt den Samen, und damit gut. Andere Lebensaufgaben sind ihm in der ökologischen Nische des Peitschenanglers nicht beschieden. Entsprechend dürftig ist es ausgestattet.

Prekär

Noch heute weiß jede achtsame Mutter, dass Jungen eher kränkeln als Mädchen – und dass die Väter wehleidig sind: Das ist die Spur der Stammesgeschichte. Es scheint, als sei das Immunsystem der männlichen Individuen schon im Mutterleib herabgestimmt, um die Gefahr einer Abwehr- reaktion des Trägerorganismus gegen das heranwachsende fremde Erbgut zu mindern. Und davon erholt es sich dann sein Lebtag nicht ganz. Eine neuere, verblüffend schlichte Erklärung für die höhere Krankheitsneigung und kürzere Lebensdauer der Männer besagt, dass ihr größerer Körper einfach mehr Angriffsfläche böte für Schädigungen aller Art.

Für diese ihre Körpergröße seien allerdings die Frauen verantwortlich: weil sie vorzugsweise große Männer zur Fortpflanzung wählen. Tatsächlich sind große Männer wohl fruchtbarer als kleine. Gesünder brauchen sie aber nicht zu sein. Denn da sie eigentlich nur für die Arterhaltung, nicht aber für die Selbsterhaltung taugen sollten, ist ihr Organismus nur mangelhaft fürs Überleben ausgerüstet. In Darwins Welt gilt das Gesetz vom Survival of the fittest, dem Überleben des am besten Zugerichteten. Zugerichtet wofür? Für die ökologische Nische, in der die Gattung sich eingenistet hat. Überleben heißt Zugerichtetsein: Spezialisierung auf den Status quo.

Waren die untätigen Drohnen ein Hohn der Männlichkeit, so war der Löwe ihre Zier, die sie stolz in ihre Wappen malte. Bis die Verhaltensforschung auch diese Prahlerei zu Schanden machte. Für den Lebensunterhalt der Seinen ist der Löwe genauso nutzlos wie die Drohne. Nicht er macht Beute, sondern sein Harem. Die Frauen ernähren die Jungen und ziehen sie groß. Der Pascha bedient sich mit dem, was sie ihm bieten, und zeugt.

Und er verteidigt seinen Besitzstand gegen die Rivalen – bis er an einen Stärkeren gerät. Dann tauschen ihn seine Damen gegen den Neuen aus und schicken ihn in die Wüste, wo er allein nicht durchkommt. Wie die Drohne hat er seine Schuldigkeit getan und geht. Bis dahin hat er wohl leoleoeine bessere Figur gemacht. Doch außer seiner Zeugungskraft wurde keine seiner Fähigkeiten wirklich gebraucht, und seinem Ersatzmann wird es genauso gehen. Spezialisiert ist er als wandelnde Samenbank, und wenn er im Kampf der Rivalen sein Leben wagt, dann auch nur, damit der Sieger mit seinem besseren Erbgut dienen darf.

Risikokapital

Ansonsten hat das Männliche “von Natur aus” keinen eignen Platz im Erhaltungsplan der Gattung, für den es zugerichtet sein und für den es reifen müsste. Im Vergleich zur heilen Weiblichkeit wirkt es immer ein wenig unfertig, unbestimmt und beliebig: Es ist nicht “festgestellt”. Während der Zellteilung im Mutterleib treten bei den männlichen Geschlechtszellen fünfmal so viele Fehler auf wie bei den weiblichen! Freilich ist diese organische Unbestimmtheit auch ein Reichtum an neuen Möglichkeiten. Die männliche Seite kann Eigenschaften entwickeln, die “von Natur” nicht geplant waren. Weibliche Ganzheit sichert den Erhalt des Lebens, doch männliche Unreife macht es dynamisch und bildsam. Das Weibliche ist das Standbein, das Männliche ist das Spielbein der Natur – ihr Risikokapital. Sie ist positiv, er ist problematisch.

Die feministische These von der natürlichen Zweitrangigkeit des Männlichen gehört Überkompensationdaher ins rechte Lot gerückt: Mannsein ist, wo es gelingt, die Überkompensation einer Organ- minderwertigkeit – und darum der Treibstoff unserer Geschichte. Das Weibliche ist die Pflicht, das Männliche ist die Kür. Regel und Ausnahme. Sicherheit und Risiko; Haushalt und Kunst, Ernst und Spiel.

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folgt: Mythos und Ur-Sprung, oder: Biologie und Bedeutung
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From The Times, January 14, 2010

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Why the Y chromosome is a hotbed

for evolution

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By By Mark Henderson, Science Editor
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The Y chromosome is often seen as the rotten corner of the human genome — a place of evolutionary decline that is slowly decaying and threatening the end of man. Reports of its imminent demise, however, have been exaggerated.

Research has indicated that, far from stagnating, the male chromosome is a hotspot of evolution that is changing more quickly than any other part of humanity’s genetic code.

In most mammals the sex of offspring is determined by X and Y chromosomes. Females have two Xs, males have one X and one Y — with the Y making them male. The Y was originally identical to the X, but over 300 million years it has shrunk, and is now the smallest human chromosome.

This is because it occurs on its own, and cannot swap genes to maintain integrity. This decline has led scientists to suggest it would waste away entirely in 125,000 years or so. This would mean the end of men, and probably of humanity.

But the first comparison of the human Y chromosome with its counterpart in chimpanzees has revealed that they differ radically. The findings suggest that the Y chromosomes of both are evolving rapidly and dynamically — probably because of their critical roles in reproduction — and have a vibrant future.

In the new research, which is published in the journal Nature, Dr David Page, of the Massachusetts Institute of Technology — who first sequenced the Y chromosome in 2003 — has now sequenced the Y chromosome of the chimp, humanity’s closest relative, and compared this with the human version.

The scientists expected the two sequences to look very similar. However, while human and chimp DNA generally differ by less than 2 per cent, more than 30 per cent of the Y chromosome differed between the two species.

“This research shows that the Y chromosome isn’t necessarily degrading, but is evolving very fast,” said Professor Robin Lovell-Badge, of the National Institute for Medical Research in London, an expert on the Y chromosome, who was not involved in the study.


Dr Page likened the process to a home that is constantly under renovation. “People are living in the house, but there’s always some room that’s being demolished and reconstructed,” he said. “This is not the norm for the genome as a whole.” Several factors probably account for the rapid evolution of the Y chromosome. First, the trick it uses to repair genes — known as gene conversion — is probably less efficient than the repair mechanisms used elsewhere in the genome. This allows new mutations to arise more often.

These mutations are then subject to greater selective pressure than the rest of the genome — because of the important role of the Y chromosome in sperm production. Any advantageous mutations would be expected to be preserved as they boost fertility, while deleterious ones would be rapidly flushed from the gene pool.

This is supported by the discovery that the parts of the chromosome involved in sperm production are most different between humans and chimps.

Wes Warren, of Washington University in St Louis, Missouri, who contributed to the study, said: “This work clearly shows that the Y is pretty ingenious at using different tools than the rest of the genome to maintain diversity of genes. These findings demonstrate that our knowledge of the Y chromosome is still advancing.”

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aus New York Times, January 13, 2010:

Male Chromosome May Evolve

Fastest

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A new look at the human Y chromosome has overturned longstanding ideas about its evolutionary history. Far from being in a state of decay, the Y chromosome is the fastest-changing part of the human genome and is constantly renewing itself.

This is “a result as unexpected as it is stunning — truly amazing,” said Scott Hawley, a chromosome expert at the Stowers Institute in Kansas City, Mo.

The Y chromosome makes its owner male because it carries the male-determining gene. Boys are born with one Y and one X chromosome in all their body’s cells, while girls have two X’s. The other 22 pairs of chromosomes in which the human genome is packaged are the same in both sexes.

The Y chromosome’s rapid rate of evolutionary change does not mean that men are evolving faster than women. But its furious innovation is likely to be having reverberations elsewhere in the human genome.

The finding was reported online on Wednesday in the journal Nature by a team led by Jennifer Hughes and David Page of the Whitehead Institute in Cambridge, Mass. In 2003, Dr. Page, working with scientists at the Washington University School of Medicine, decoded the DNA sequence of the human Y chromosome. He and the same Washington University genome team have now decoded the chimpanzee Y chromosome, providing for the first time a reference against which to assess the evolutionary history of the human Y.

The chimpanzee and human lineages shared a common ancestor just six million years ago, a short slice of evolutionary time. Over all, the genomes of the two species are very similar and differ in less than 1 percent of their DNA. But the Y chromosomes differ in 30 percent of their DNA, meaning that these chromosomes are changing far faster in both species than the rest of the genome.

In the case of chimps, their mating habits are probably the source of the fierce evolutionary pressure on their Y chromosome. When a female comes into heat, she mates with all the males in the group, setting up competition within her reproductive tract between the sperm of different males.

Many genes that govern sperm production are situated on the Y chromosome, and any genetic variation that improves a chimp’s chances of fatherhood will be favored and quickly spread through the population.

Sperm competition may have been important in the earliest humans, too, for some years after the chimp and human lineages split. Sperm competition could still play a role in human reproduction, some experts think, given the trickle of cases of heteropaternity, the birth of twins with different fathers.

Another reason for the intensity of selective pressures on the Y chromosome in both chimps and humans may be that natural selection sees it as a single unit, so a change in any one of its genes affects the survival of all the rest. On the other chromosomes, selection is more focused on individual genes because chunks of DNA are swapped between the members of each pair of chromosomes before the generation of eggs and sperm.

This DNA swapping process is forbidden between the X and the Y pair, keeping the male-determining gene from being transferred into the X chromosome, creating gender chaos.

But this prohibition has caused most of the genes on the Y chromosome to decay for lack of fitness. In the rest of the genome, a gene damaged by a mutation can be swapped out for the good copy on the other chromosome.

In the Y, which originally had the same set of genes as the X, most of the X-related genes have disappeared over the last 200 million years. Until now, many biologists have assumed either that the Y chromosome was headed for eventual extinction, or that its evolutionary downslide was largely over and it has sunk into stagnation.

Dr. Page’s new finding is surprising because it shows that the Y chromosome has achieved an unexpected salvation. The hallmark of the Y chromosome now turns out to be renewal and reinvigoration, once the unnecessary burden of X-related genes has been shed.

“Natural selection is shaping the Y and keeping it vital to a degree that is really at odds with the idea of the last 50 years of a rotting Y chromosome,” Dr. Page said. “It is now clear that the Y chromosome is by far the most rapidly evolving part of the human and chimp genomes.”

This does not mean that men are evolving faster than women, given that the two belong to the same species, but it could be that the Y’s rate of change drives or influences the evolution of the rest of the human genome in ways that now need to be assessed. It would be “hard to imagine that these dramatic changes in the Y don’t have broader consequences,” Dr. Page said.

Andrew Clark, a geneticist who works on the Y chromosome at Cornell University, said the Y’s fast turnover of DNA could effect the activity of genes throughout the genome, because just such an effect has been detected in laboratory fruit flies.

The decoding of the Y chromosome’s DNA was particularly difficult because the chromosome is full of palindromes — runs of DNA that read the same backward as forward — and repetitive sequences that confuse the decoding systems. Decoding the human Y took 13 years, and the chimp Y took eight years, Dr. Page said.

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